Fair Skills Modellprojekt

Eine Qualifizierung zur/m Jugendkulturtrainer/in. Zur Erhöhung der Arbeitsmarktchancen und psychosozialen Eingliederung von jungen Menschen aus sozialen Brennpunkten

Wie kann man bildungsferne Jugendliche nachhaltig beruflich fördern und quali­fi­zie­ren? Und wie kann man gleichzeitig zivil­ge­sell­schaftliche Grundhaltungen vermitteln? Es geht um jene Heranwachsende aus sozialen Brennpunktbereichen, die mit schu­li­schen Bildungsinhalten in der bis­he­rigen Vermittlungsform schwer zu er­rei­chen sind? "Eine erhebliche Zahl von 16-jährigen und Jüngeren sind resigniert, weil sie als Förder- und Hauptschüler ver­innerlicht haben, keine oder nur sehr schlecht bezahlte Berufsmöglichkeiten zu erhalten", sagt die Projektinitiatorin Silke Baer. "Das schürt Passivität oder Ex­tre­mis­mus und Gewaltbereitschaft. Hier müssen dringend wirkungsvolle Lösungs­wege ge­fun­den werden". Derzeit verlassen 15 Prozent die Schule ohne Abschluss, bei Migrationshintergrund sind es 30 Prozent. Auch den Jugendlichen mit (Haupt­schul-) Abschluss fehlen häufig zentrale be­rufs­re­levante Grundkompetenzen.

Mit dem Projekt FAIR SKILLS hat Cultures Interactive e.V. ein Verfahren entwickelt, das diesen Jugendlichen Möglichkeiten der Qualifizierung und gesellschaftlichen Ein­glie­derung eröffnet. FAIR SKILLS beruht auf Jugendkulturen wie HipHop, Skate­boar­ding, Techno und medialen Aus­drucks­for­men wie Radioproduktion, und nutzt deren zivilgesellschaftliche Wert­hal­tungen. Die psychologisch fundierten Lehr­gänge, die zur/m Jugendkultur-Trai­ner/in qualifizieren, sind flankiert von Päda­go­gIn­nen-Fort­bil­dun­gen und Gemeinwesen orien­tierten Maß­nah­men. Die langjährige Arbeit von Cultures Interactive hatte ge­zeigt, dass Heran­wachs­ende aus struk­tur­schwa­chen Re­gio­nen mit schlechten schu­lischen Leis­tungen oft erstaunlich viel Elan, Ziel­stre­big­keit und Kompetenz mobilisieren, wenn es um jugendkulturelle Aktivitäten geht - und dass sie darüber mitunter zu Klein­un­ter­neh­mer/-innen werden. Zudem enthalten Jugendkulturen Elemente eines päda­go­gisch wertvollen Ethos der ge­gen­seitigen Anerkennung, Weltoffenheit, ak­ti­ven To­le­ranz und Gewaltvermeidung.

FAIR SKILLS stellt somit eine Verbindung zweier Ziele dar: der Qualifizierung und Berufsvorbereitung einerseits und der Zi­vil­gesellschaftlichkeit und Extremismus-Prä­ven­tion andererseits. Praxisorientiertes, In­ter­esse geleitetes Lernen gehen Hand in Hand mit der Aneignung von wichtigen or­ga­ni­satorischen und psychosozialen Grund­kom­petenzen: den Soft Skills bzw. Social Skills, d.h. den Fähigkeiten der Kom­munikation, der Konfliktlösung, des in­ter­kulturellen Miteinanders und der Selbst­motivation.

Nach Abschluss der Qualifizierung werden die "JugendkulturTrainerInnen" bei ersten Praxiserfahrungen in selbständiger Arbeit durch psychologisch geschultes Fach­per­sonal begleitet. Gleichzeitig entwickeln sich die Lehrgangs-TeilnehmerInnen zu zivil­ge­sell­schaftlichen Faktoren ihres un­mit­tel­baren kommunalen Umfelds. "FAIR SKILLS zeigt jungen Menschen aus prekären Um­feldern, dass sie anhand ihrer eigenen In­teressen persönliche Kompetenzen aus­bau­en können, die für einen erfolgreichen Einstieg in Berufsleben und zivile Le­bens­ge­stal­tung maßgeblich sind." Ferner un­ter­streicht der Evaluationsbefund des Bun­des­projekts Xenos: dass "Aktivitäten gegen Fremdenfeindlichkeit und Ras­sis­mus" am günstigsten in direkter Ver­bin­dung mit "ei­nem arbeitsmarktlichen Kontext durch­zu­füh­ren seien", weil es hier wie dort die gleichen zentralen Persönlichkeits­kom­pe­tenzen zu fördern gilt.

Das Projekt

Über Jugend- und Arbeitsämter, Schulen, Jugendeinrichtungen und Streetwork-Pro­jekte wendet sich FAIR SKILLS an junge Menschen aus bildungsbenachteiligten Mi­lieus, die über Vorerfahrungen oder In­te­res­se im jugendkulturellen Bereich ver­fügen. Das kann sein: Musik auflegen (DJing) oder digitale Musikproduktion, Ska­teboarden, Instrumente lernen, Comics zeich­nen, Graffiti sprühen, Break- und Street­dance, Konzerte oder Partys orga­ni­sie­ren. Die Jugendlichen wählen einen der vier Lehrgänge: GRAFIK (mit Streetart, Graf­fiti, Comic), SPORT (mit Breakdance, Skateboarding, Fußball), MUSIK (mit Tech­no u. HipHop DJ-ing, Rap, digitaler Musik­pro­duk­tion, Singer-Songwriter, Band­work­shop) und MEDIEN (mit Radio, Video, Foto, Computerpraxis). Die Teil­neh­mer/in­nen wer­den in die Lage versetzt, Anfänger-Workshops mit Gleichaltrigen ihrer Region durchzuführen und dabei neben den ju­gendkulturellen Techniken auch deren zi­vil­ge­sell­schaftliche Werte weiterzugeben. Es wird systematisch auf drei Ebenen ge­schult: (1) die Techniken der gewählten jugendkulturellen Ausdrucksformen, (2) das Hintergrundwissen über die bür­ger­recht­liche und anti-rassistische Ge­schich­te der urbanen Jugendkulturen und damit vor allem die darin enthaltenen moralisch-ethischen Grundhaltungen des ge­gen­sei­ti­gen Respekts, der aktiven Toleranz und der Gewaltvermeidung, ferner Wissen über politischen und religiösen Ex­tre­mis­mus (3) und die kommunikativen und emo­tio­nalen Grundkompetenzen (Social Skills).

Mittels niedrig-schwelliger Methoden des supervisorischen und gruppen­dy­na­mi­schen Arbeitens werden die Teil­neh­mer/ innen in ihren Fähigkeiten der Selbst-Wahr­nehmung, Konflikt-Reflektion und Gruppen-Interaktion gefördert, auch in Bezug auf Geschlechterrollen und kulturelle/ eth­ni­sche Selbstverortung. Denn: Coaching und Supervision sind gerade auch bei jungen Menschen aus sozialen Brennpunkten wirk­sam (und keineswegs auf Erwach­sene in gehobener Stellung beschränkt). Des Weiteren werden einfache päda­go­gische Verfahren vermittelt, mit denen die Jugendkultur-Trainer/innen ein produktives Klima des Peer-Learning herstellen und destruktives Verhalten z.B. durch Mobbing effektiv eingrenzen können. Auch der Auftritt vor Behörden und der Umgang mit regionalen Einrichtungen werden geschult.

Es finden 15-tägige Lehrgänge in mehreren Blöcken in der EJBW Weimar während eines halben Jahres statt, an denen 16- bis 22-Jährige teilnehmen, die ausbildungs- oder arbeitslos sind bzw. aus Förder-, Haupt-, Regel- und Berufsvorbereitungs-Schulen kommen. Nach Abschluss werden die zertifizierten FAIR SKILLS-"Jugend­kultur­Trai­ner­Innen" darin unterstützt, Kon­takt zu Jugendeinrichtungen in der Nähe ihres Wohnortes herzustellen, wo sie ihr erworbenes Können in eigenen Work­shops an andere Jugendliche weitergeben. Die PädagogInnen dieser Jugend­ein­rich­tungen erhalten Fortbildungen über den ju­gend­kul­turellen Peer-Learning-Ansatz so­wie über Gewalt- u. Extremismus-Präven­tion, um eine fachgerechte Betreuung vor Ort zu gewährleisten. Arbeitgeber und Behörden der infrastrukturschwachen Re­gion wer­den nachdrücklich ermuntert zu FAIR SKILLS beizutragen, um die Lage der jungen Menschen zu verbessern und die zivilgesellschaftlichen Ressourcen vor Ort zu stärken.


Gefördert und unterstützt wird FAIR SKILLS bislang durch das europäische För­derprogramm XENOS, das Bundes­mi­nis­te­rium für Arbeit und Soziales, die Wei­mar-Jena-Akademie und die Euro­pä­ische Ju­gend­be­geg­nungsstätte Weimar (EJBW). Die Lehrgänge und Pädagogenfort­bil­dun­gen sind gebührenfrei.