Frauen* im Fokus der Präventionsarbeit

Bedarfsanalyse zu sekundärpräventivem Projekt für Mädchen* und junge Frauen* im Kontext der Bekämpfung von Islamismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Berlin

In der Wissenschaft werden genderspezifische Aspekte in den Themenbereichen religiös begründeter Extremismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bisher nur vereinzelt oder peripher berücksichtigt. Auch in der Praxis lassen sich kaum gendersensible (sekundärpräventive) Angebote finden, die auf die Bedürfnisse und Interessen von Mädchen* und Frauen* ausgerichtet sind. Dies weist auf eine Betreuungslücke hin, die individuelle und gesellschaftliche Folgen haben kann. Beobachtungen aus der Praxis zeigen zudem, dass demokratie- und menschenfeindlichen Gruppierungen diese Leerstelle gezielt nützen, um Mädchen* und Frauen* ihre eigenen Narrative anzubieten.

Gendersensible Sekundärprävention für Mädchen* und junge Frauen*

Daher war eine weitere Bedarfsanalyse nötig, die Mädchen* und junge Frauen* als Gruppe mit eigenen Problemstellungen in den Blick nimmt und anhand einer Analyse im übergreifenden Fachaustausch abklärt, inwieweit Bedarfe zu sekundärpräventiven Angeboten im Bereich bestehen, die explizit Mädchen* erreichen. 2012/2022 rückte cultures interactive e.V. deshalb die Lebensrealität von Mädchen* und Frauen* in den Fokus eines eigenen Projekts, um die Relevanz genderreflektierter Präventionsarbeit und den Handlungsbedarf zu eruieren sowie Ansätze für eine bedarfsorientiertes und sekundärpräventives Projekt zu formulieren.

Erfassung und Analyse von Bedarfen

In verschiedenen Projekten und wissenschaftlichen Beiträgen hat cultures interactive e.V. einen gendersensiblen Ansatz für die Prävention erarbeitet, der Mädchen* und junge Frauen* als relevante Akteur*innen ernst nimmt und sich intensiv mit mädchen*spezifischen Radikalisierungsgründen auseinandersetzt. Im Rahmen der Bedarfsanalyse wurden von August 2021 bis Juni 2022 qualitative und quantitative Interviews sowie Fachgespräche mit Multiplikator*innen im Bereich der Mädchen*arbeit und Frauen*beratung, mit Mitarbeiter*innen aus der Prävention von religiös begründetem Extremismus sowie mit Mädchen* und jungen Frauen* geführt. Ziel war es, die Lebensrealität von Mädchen* und jungen Frauen* in den Blick zu nehmen und Ansätze für ein bedarfsorientiertes sekundärpräventives Projekt zu formulieren. Ergänzt wurden die narrativen Interviews und quantitativen Umfragen durch weitere Recherchen zu wissenschaftlichen Diskursen und sekundärpräventiven Projekten im Bereich des religiös begründeten Extremismus. Die so gewonnen Erkenntnisse wurden anschließend in einem Fachaustausch zur Diskussion gestellt.

Vorhandene Präventionsangebote reichen nicht aus

Die Analyse zeigte eindeutig, dass nach wie vor ein Bedarf an sekundärpräventiven Angeboten für junge Frauen* und Mädchen* besteht und dass die bereits vorhandenen Präventionsangebote nicht ausreichen, um die Bedarfe und dahinterstehende Bedürfnisse, besonders bei gefährdeten Mädchen* zu decken. Dabei wurde deutlich, dass genderspezifische Ansätze notwendig sind, um junge Frauen* gezielt zu erreichen. Denn sowohl in den Hinwendungs- als auch in den Abwendungsmotiven weisen Mädchen* und junge Frauen* stark geschlechterspezifische Faktoren auf. Die Bedarfsanalyse ergab außerdem, dass die Funktionen und Perspektiven von Mädchen* und Frauen* innerhalb Strukturen des religiös begründeten Extremismus eine stärkere Beachtung in der Forschung und der Präventionsarbeit finden sollten.
Den befragten Mädchen* und jungen Frauen* war es ausgesprochen wichtig, für ihre Religion nicht verurteilt zu werden, sondern anerkannt und mit ihren Ansichten wertgeschätzt zu werden. Es ist in der Präventionsarbeit daher sinnvoll, wenn sich junge Menschen stigmatisierungsfrei mit Religion und religiös begründetem Extremismus auseinandersetzen können und ihre Kompetenzen im Umgang mit diesen Themen gestärkt werden. Auch die befragten Fachkräfte gaben an, Bedarf an Weiterbildung zu religiös begründetem Extremismus zu haben, um einerseits über mehr Wissen zu verfügen und andererseits die eigene Handlungssicherheit zu erhöhen.

Dauer

1.8.2021-30.06.2022

Förderung