„Brückenbildende Gespräche“ im Bekanntenkreis, aus Sorge um Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt

Wir müssen uns ehrlich machen – und rundheraus eingestehen: Debatten & Diskussionen, sachliche Aufklärung, politische Bildung, Demokratie-Kampagnen – all das ist am Ende! Es wirkt nicht mehr! Rund ein Drittel der Deutschen hängt anti­demokratischen Strömungen an, in einem Bundesland wie Sachsen-Anhalt sind es sogar 40 % – Tendenz steigend. Gleichzeitig greifen Misstrauen und Spaltung weiter um sich, frühere Dialog­möglichkeiten schwinden, Bekannten­verhältnisse zerbrechen, persönliches und Sozial­vertrauen gehen verloren – oft auch in Familien und Freundes­kreisen. Dies verstärkt die soziale Fragmentierung und Vereinsamung. Und in diesem Zustand gehen wir jetzt auf Landtagswahlen zu, die die Zukunft und das Überleben der westlichen Demokratien als Ganzes mitentscheiden könnten.

Wenn aber unsere alten Handlungs­muster des politischen Lebens heute nicht mehr funktionieren, wie kann es dann gelingen, dass wir trotz aller Konflikte und Spannungen – und angesichts der eklatant ansteigenden sozialen Ungleichheit – zu gemeinsamem demokratischem Bewusstsein und gesell­schaftlichem Zusammenhalt finden?

Was hier gute Aussicht hat und nur noch nie versucht wurde, ist ein Vorgehen, das keine Megaphone und Kameras braucht – und das sich jenseits aller Medien und Internet­portale entfaltet: Das zwischen­menschliche Gespräch im Bekanntenkreis. Dieses Gespräch wird klug und menschlich besonnen geführt. Gleichzeitig von Vielen. In spontan hergestellten informellen Räumen, bilateral, nicht-öffentlich – z.B. in der Kommune, im Arbeitsumfeld, in der Kirchengemeinde , in Vereinen & Verbänden, Gewerkschaften, (Volks-)Hochschulen etc. Dabei verzichtet diese Form von Dialog auf alles Überzeugen-Wollen. Denn es soll kein Streitgespräch sein. Vielmehr geht es um ein menschliches Begreifen-Wollen des/r Anderen – und um ein Verständlich­machen der eigenen Sorge um Demokratie, Freiheit und Zusammenhalt.

Es handelt sich um ‚Brücken­bildende Gespräche im unmittelbaren Bekanntenkreis‘ (BrüG), die systematisch angeregt und im sozialen Nahfeld geführt werden. Hierbei wenden sich demokratie-besorgte Menschen – die als Mitglieder von großen Mitglieder­organisationen in der Region erreicht und geschult werden – individuell an selbsterklärte Sympathisant:innen von verfassungs­feindlichen Bewegungen. Diese finden sie in ihrem Umfeld und laden sie zu einem persönlichen Gespräch über gesellschaftliche Lebensfragen der Zeit ein.

Es wird für diese BrüG-Gespräche bewusst der nicht-öffentliche, vorpolitische Raum genutzt, um die verloren gegangene Fähigkeit zur besonnenen Diskussion und kontroversen Aushandlung überhaupt erst wiederherzustellen.

Damit die Engagierten handlungssicher in BrüG-Dialog gehen können, erhalten sie versierte Hilfestellungen & Coaching. Diese entstammt der Methodologie der narrativen, beziehungsdynamischen Kommunikations­wissenschaft, sodass sich das Gespräch nicht erhitzt oder zerbricht. Zu späterem Zeitpunkt kann auch die Ebene einer reifen politischen Debatte von konflikthaften Standpunkten erreichen erreicht werden.

Wenn zahlreiche Menschen dies tun, jeweils verankert in Vereinen & Verbänden, Wirtschaft & Gewerkschaften, Sport, (Volks)Hochschulen, Kirchen, politischen Parteien u.a., … wenn diese Gespräche sich dynamisch weiter verzweigen, … wenn sie methodisch begleitet werden und versierte Beratung bereitsteht, … wenn die Mitglieder­organisationen die BrüG-Initiative letztlich übernehmen und eine eigenständige Dialog-Infrastruktur einrichten, weil sie den Mehrwert für die eigenen Belange erkennen und Verantwortung für den Sozialraum und Wirtschafts­standort übernehmen wollen, … wenn sie sich hierfür als lokaler Stakeholder begreifen und mit anderen, ebenfalls engagierten Organisationen Allianzen bilden, … wenn es auf diese Weise in einer Region zu einer weitreichenden Zunahme der Dialog­fähigkeit in der Bevölkerung kommt, … dann gewinnt unsere demokratische Gesellschaft an Vitalität und Resilienz. – Und sie kann den mächtigen anti­demokratischen Betreibungen in den Regionen und weltweit besser standhalten.

Mit der BrüG-Initiative wird auch ein neuer, transferfähiger Modus des aufsuchenden zivilgesellschaftlichen Dialogs & bürgerschaft­lichen Engagements geschaffen, der eine zukunftsfähige demokratische Alltags­kultur begründen kann.

Im Ergebnis des Pilotprojekts entstehen:

  • ein BrüG-Kernteam in einer angesehenen zivilgesell­schaftlichen Einrichtung im Bundesland Sachsen-Anhalt
  • die transferfähige BrüG-Gesprächsmethodik für aufsuchenden bürgerschaftlichen Dialog und Engagement
  • ein BrüG-Advocacy-Verfahren zur effektiven Ansprache von großen Mitglieder­organisationen in der Region bzw. im Bundesland
  • eine konkrete Kooperation mit mindestens je einer großen Organisation aus den Bereichen [i] Vereine/ Verbände, [ii] Wirtschafts-/Handelskammern [iii] Gewerkschaften, [iv] Sport, [v] Hochschulen/ Volkshochschulen, [vi] kirchlich-religiöse Einrichtungen, [vii] politische Parteien, [viii] Stiftungen
  • eine Kurz-Fortbildung in BrüG-Gesprächsmethodik für Ankerpersonen in den Mitgliederorganisation
  • ein umfassenderes BrüG-Training für interne BrüG-AGs innerhalb der Organisationen
  • ein Verfahren der Praxisbegleitung & Coaching für die aktiven BrüG-Engagierten (Intervision, Stärkung der Dialogfähigkeit, Qualitätssicherung)
  • eine Sammlung von thematischen Optionen & dialogischen Strategien für BrüG-Gespräche
  • eine transferfähige methodische Handreichung für BrüG-Gesprächsführung sowie für die regionale BrüG-Netzwerkbildung
  • letztlich ein Advocacy-Konzept zur eigenständigen Fortführung/Verstetigung der BrüG-Initiative in der jeweiligen Organisation.

Insgesamt wird eine innovative Methodik der dialogisch-politischen Bildung erbracht, die aufsuchend-partizipativ auf Augenhöhe, im dialogischen Peer-Modus verfährt und vor Ort im Gemeinwesen zum Tragen kommt. Politische Erfahrungs- und Begegnungsräume off- und online sind relevant; sowohl Erwachsene als auch Jugendliche können einbezogen werden; Berührungspunkte mit Bildungspolitik und der Arbeit der Schulen werden aktiv aufgesucht.

Projektinformationen

Ansprechpartner
Dr. Harald Weilnböck
weilnboeck@cultures-interactive.de

Derzeit erfolgt die Beantragung von Mitteln bei verschiedenen Fördergebern