Narrative Gesprächsgruppen® an Schulen im ländlichen und kleinstädtischem Raum
Aufgeschlossen für Neues und lernbereit zu sein, sich menschlich zu verhalten und ein gutes Miteinander herzustellen – das ist Schüler*innen seit jeher nicht immer leichtgefallen. Auch die Fähigkeiten, in einer Gruppe ein offenes Gespräch zu führen, dabei die eigenen Haltungen ehrlich zu bekennen, aber auch vertrauensvoll etwas über die dahinterliegenden persönlichen Erfahrungen zu erzählen, sich dabei aufmerksam zuzuhören, nachzufragen, Anteil zu nehmen und sich aktiv vor Ort zu engagieren – all diese Fähigkeiten ergeben sich nicht von selbst. Sie müssen aktiv erlernt und beständig gepflegt werden.
Um die Schulen bei der Umsetzung dieser wichtigen Aufgaben der Demokratiepädagogik, Konfliktbearbeitung und Gesprächsbefähigung zu unterstützen, hat Cultures Interactive die Narrativen Gesprächsgruppen® entwickelt. Als neues Verfahren der intensivpädagogischen politischen Bildung – wöchentlich 1-2 Stunden, mindestens halbjährig, in der Regelunterrichtszeit – werden die Gesprächsgruppen besonders für belastete Klassen und Schulen europaweit angeboten.
Vertiefte politische Bildung, die Inhalte und Emotionen verknüpft
Dass eine persönlich vertiefte Gesprächs- und Demokratiebildung dringlich notwendig ist, wird durch die zunehmende gesellschaftliche Spaltung und Einsamkeit – und durch Phänomene wie KI-generierte Falschinformationen und weitverbreitetes Verschwörungsdenken – zusätzlich verdeutlicht. Menschenfeindliche und antidemokratische Haltungen sowie populistische Positionen, die emotional vorgebracht werden und sich einer rationalen Auseinandersetzung entziehen, bestimmen immer mehr den Ton – und das findet auch in Schulklassen seinen Widerhall. Besonders in strukturschwachen Regionen wird dies häufig noch durch die Wahrnehmung verstärkt, „abgehängt“ zu sein und von Politik und Medien nicht gehört zu werden.
Umso mehr müssen gerade an Schulen neue Räume des vertraulichen Dialogs geschaffen und die Fähigkeit zur zwischenmenschlichen Begegnung und wohlmeinenden Auseinandersetzung, jenseits der eigenen Komfortzonen, gefördert werden. Die narrativ moderierten Gesprächsgruppen ermutigen und befähigen die Schüler*innen, miteinander zu sprechen, von persönlichen Erlebnissen zu erzählen, eigene Ansichten begreiflich zu machen, ein engagiertes Gespräch zu führen und sich gegenseitig besser zu verstehen. Dabei werden sie mit ihren Erfahrungen wahr- und ernst genommen und lernen, aufrichtig miteinander und gegenüber sich selbst zu sein, mit den eigenen Gefühlen und Unsicherheiten konstruktiv umzugehen – und Meinungsverschiedenheiten frei von Abwertung und Hass zu verhandeln.
Schule als Ort der Dialogbefähigung, Konfliktbearbeitung und gelebten Demokratie
Das Angebot der Narrativen Gesprächsgruppen® richtet sich gezielt an Schulen, weil diese einen immer wichtiger werdenden Sozialisations- und Begegnungsort für junge Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Wertvorstellungen darstellen. Zudem suchen Schulen oft nach hilfreichen Ergänzungen von außen, um bei allen Anforderungen durch Fachlehrpläne und enge Rahmenbedingungen Unterstützung zu erhalten – und um zu einem wirksamen Lernfeld für Erfahrungen der dialogischen Verständigung und nachhaltigen Konfliktbearbeitung werden zu können.
Auch viele Landesministerien suchen nach konkreter Hilfestellung für effektive bildungspolitische Strukturanpassungen, um die Schüler*innen besser auf ihre verantwortliche Teilhabe an der freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft vorzubereiten. Denn es wird zunehmend erkennbar, dass punktuelle Veranstaltungen über Demokratie und Menschenrechte die tiefen Verunsicherung im politischen Selbstverständnis der Kinder und Jugendlichen nicht mehr bewältigen können – und dass (eigentlich schon lange) der systematische Einbezug von neuen Elementen der außerschulischen, non-formalen Bildung in das Kern-Curriculum angezeigt ist.
Die Narrativen Gesprächsgruppen® kommen diesem Bedarf nach, indem sie als Teil des Regelunterrichts einen geschützten Raum für offene Aussprache, vertrauensvollen Dialog und gelebte Demokratie schaffen. Methodisch knüpfen sie an bewährte Prinzipien der narrativen Gesprächsführung und Gruppenarbeit an, wie sie aus der Jugendhilfe und Sozialtherapie bekannt sind. Außerschulische Gruppenleiter*innen gewähren einen selbstbestimmten und vollkommen themenoffenen Rahmen, in dem die Jugendlichen sich über ihre Anliegen, Erlebnisse, Ansichten und Interessen austauschen und mehr miteinander in Beziehung treten können.
Hierbei rücken chronische Spannungen, Animositäten und verhärtete Debatten in den Hintergrund. Denn im narrativ-lebensweltlichen Erzählen erschließen sich die individuellen Erlebnisse, die hinter Meinungen und Ressentiments liegen. Erzählend-reflexiv vergewissern sich die Jugendlichen auch ihrer demokratischen und menschenrechtlichen Haltungen, übernehmen Verantwortung und lösen demokratiefeindliche und zynische Affekte auf. So findet eine intensivpädagogische politische Bildung statt, die Inhalte und Emotionen miteinander verbindet.
Soziale Kompetenz erwerben und Selbstwirksamkeit erleben
Die Inhalte ihrer Gruppengespräche entwickeln die Schüler*innen völlig eigenständig. Die Erfahrung zeigt: Im Setting der Narrativen Gesprächsgruppen® finden die Jugendlichen rasch zu ihren persönlichen Anliegen und bearbeiten die Spannungen in ihrer Klasse und Schule. Hierbei bewegen sie sich ganz selbstverständlich auch auf zentrale gesellschaftliche Themen zu – (Un)Gerechtigkeit, Mobbing, Gewalt, Menschenfeindlichkeit, Geschlechterrollen, Freundschaft, Familie, Teilhabe, Zukunftsaussichten – die auch Gegenstand von Fachlehrplänen sind oder sein können. In den Gesprächsgruppen erschließen die Schüler*innen diese Themen aber aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz und Antrieb – und füllen sie so unmittelbar mit Leben aus.
Gerade auch der Austausch über positive Erfahrungen von wechselseitigem Respekt, Gehört-Werden, Gleichberechtigung, Vielfalt und Anderssein unterstützt die demokratische Persönlichkeitsbildung und menschenrechtliche Grundhaltung der jungen Menschen ganz wesentlich.
Gesprächsgruppen vernetzen Schule und Kommune
Jedoch sind die Narrativen Gesprächsgruppen® keineswegs in sich isoliert – und deren Wirkung nicht auf anderthalb Stunden pro Woche begrenzt. Obwohl sie nämlich ein vertraulicher Raum sind, der von außerschulischen Fachkräften bereitgestellt wird, weisen die Gruppen wichtige Schnittstellen zum sozialen und institutionellen Umfeld auf.
Die wahrscheinlich wichtigste dieser Schnittstellen besteht für die Schulsozialarbeit und kommunale Jugend- und Familienhilfe – die z.B. bei akuten Bedarfen der Sucht-, Gewalt- oder psychosozialen Beratung, auch der Ausstiegshilfe, gute Wirkung haben kann. Es besteht aber auch eine Schnittstelle zum Fachunterricht (z.B. in Geschichte, politischer Bildung, Ethik, Sprachen). Denn aus den Gruppengesprächen können, in anonymisierter Weise, wertvolle Themen-Impulse für die Unterrichtsplanung gegeben werden, wodurch sich das fachliche Lernen der Kinder und Jugendlichen beträchtlich intensiviert. Die Schnittstelle zu einer systemischen „Schulberatung von unten“ kann dazu beitragen, dass strukturelle Probleme in der Einrichtung (z.B. Sacherhalte seitens Leitung, Kollegium, Gesamtorganisation) bearbeitet werden.
Nicht zuletzt wird die offenkundige Schnittstelle zu den Gemeinden oder Stadtteilen genutzt, in denen die Schüler*innen leben. Dort können sie vermittels kleiner, freiwilliger Interview- und Dialogaufgaben, die sich aus ihren Gesprächen untereinander ergeben, mit Familie und Nachbarschaft in Kontakt treten – möglicherweise auch „brückenbildende Gespräche“ führen – und ihre Erfahrungen und Überlegungen in die Gruppe zurücktragen.
Intensivpädagogisch vertieft und aber auch kommunal vernetzt – so können die Narrativen Gesprächsgruppen® zu einem Faktor sowohl für die persönliche Verantwortungsübernahme von Jugendlichen als auch für die demokratiebildende Gemeinwesenarbeit als Ganze werden.
Teilnehmende
Vor allem Schüler*innen ab der 7. Klasse – in allen Schulformen.
Projektinformationen
Projektzeitraum
Das Projekt wird seit 2019 mit wechselnden Förderungen in wechselnden, regional begrenzten Kontexten, aktuell vor allem in Sachsen-Anhalt, bis 2025 weiterbetrieben.
Ansprechpartner
Dr. Harald Weilnböck
weilnboeck@cultures-interactive.de
Webinar 'Stop Hatred by Dialogue'
Artikel
Harald Weilnböck: From Holocaust-Denial to a Personal Family Tableau: „Narrative Group Work”.
Jen Pahmeyer; Harald Weilnböck: Narratives Arbeiten als pädagogische Methode.
Förderung