Aufsuchender sozialer Dialog online durch Jugendliche. Engagierte Dialogkompetenz in demokratie- und menschenfeindlichen Chat-Gruppen
Immer mehr Menschen verspüren den Drang, sich persönlich zu engagieren, in die direkte politische Auseinandersetzung zu gehen – aber auch den eingehenden Dialog zu suchen. Allzu beängstigend sind die tiefer werdenden Gräben der gesellschaftlichen Spaltung geworden; und allzu giftig und unanständig wurde der allgemeine Umgangston, sei es im Deutschen Bundestag, in den sozialen Medien oder im alltäglichen Umfeld.
Gerade Internet-affine Jugendliche und Schüler*innen würden sich gerne auch online einsetzen. Denn viele der dortigen Chat-Gruppen, vor allem im Bereich Gaming, sind mit antidemokratischen und autoritären Aussagen und mit heftigen menschenfeindlichen Affekten befrachtet. Abstoßende Beleidigungen und eine generelle Verachtung von Frauen – wie auch von Transgender und Homosexuellen – sind dort oft die unangefochtene Norm. Man fragt sich schockiert: Was soll man darauf nur sagen? Wie kann man hier noch antworten und sich wirksam einmischen, ohne dass die Interaktion sofort eskaliert oder abbricht?
Ähnliche Fragen stellen sich auch bei den nicht so unflätigen, sondern eloquenten oder sprachlich unauffälligen Äußerungen, die dennoch menschenrechtsfeindlich und gegen die demokratisch-freiheitliche Gesellschaft gerichtet sind, wie z.B. ein Chat-Beitrag wie: „Naja, dieses heutige ‚Deutschland‘ gab es geschichtlich gar nicht. Es ist ein perverses Konstrukt der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, dass sich durch Mord und Vertreibung gebildet hat“, woran sich, wenig überraschend, die Empfehlung anschließt: „Wenn wir von Deutschland sprechen, sollten wir niemals die Ostgebiete aufgeben“.
Partizipative, aufsuchende politische Bildung online
Für das immer wichtiger werdende Handlungsfeld der „aufsuchenden politischen Bildung“ müssen sinnvolle Strategien und wirksame Techniken des dialogischen Einwirkens auf die Online-Welt gefunden – und zum Zweck einer weitreichenden Dialogbefähigung in die zivilgesellschaftliche Breite getragen werden. Denn sie dürfen nicht nur das Wissen von Spezialist*innen bleiben. Vielmehr sollten wir – auf partizipative Weise – rasch dahin gelangen, dass sehr viele Bürger*innen diese Dialogstrategien und -techniken ausführen und weiterentwickeln können. Das setzt voraus, dass sie ihnen selbstverständlich und leicht von der Hand gehen und, trotz der toxischen und belastenden Inhalte, auch genügend Engagement-Zufriedenheit bereiten. Nur so kann eine lebendige demokratische Gesellschaft als Ganze jene Grundkompetenz erwerben und pflegen, die sie befähigt, menschenfeindliche, zynisch-hämische und antidemokratische Chat-Verläufe auf moderativ-dialogische Weise nachhaltig einzudämmen. –
Hiermit wäre auch ein wesentlicher Faktor für eine neue und zeitgemäße demokratische Kultur benannt, die zunächst vor allem bei Kindern und Jugendlichen angelegt werden sollte.
Das abgeschlossene einjährige Pilotprojekt „Chats, narrativ! – in (Gaming-)Chats narrativ mitreden und (Selbst-)Hass abwenden“ hat solche Strategien und Techniken entwickelt. Sie wurden aus den Ressourcen der Narratologie/Biografieforschung, narrativen Interview- und Gesprächsführung, psychodynamischen und systemischen (Gruppen-)Therapie, der Methodik der Brückenbildenden Gespräche und der Dialogischen Erstreaktionskompetenz bezogen, entsprechend angepasst und in einschlägigen Chats auf Telegram, Reddit und X erprobt.
Die Aufgabe von „Chill-Chat“ wird es jetzt sein, aufbauend hierauf, Workshops, Weiterbildungen und Formate der pädagogischen Praxisbegleitung für Jugendliche zu erstellen. Ein Chill-Chat-Training und ein On-the-job-Coaching werden erprobt, die Jugendliche – in- und außerhalb von Schulen – ermuntern und unterstützen, sich mittels der neu entwickelten, dialogischen Interaktionstechniken an Onlinegruppen zu beteiligen, die durch demokratie- und menschenfeindliche Akzente belastet sind. Per Coaching werden sie als aufsuchende online Dialog-Akteur*innen darin begleitet, in diesen Chats in gut dosierter und wirksamer Weise moderierend und prosozial einzuwirken. Insbesondere werden die Jugendlichen zu dem Versuch angeleitet, in den Chats …
- menschenfeindliche und hämisch-zynische Affekte einzudämmen
- verengte Sichtweisen zu erweitern
- eine moderierende, evtl. humorvolle Vermittlung zwischen konflikthaften Akteuren zu unterstützen
- situativ dosiert zu widersprechen
- beiläufig – oder wenn möglich nachdrücklich – auf faktische Sachverhalte hinzuweisen
- tunlichst für Freiheitlichkeit und alternative Ansichten zu werben
- unaufdringlich zu Perspektivwechsel und Mitgefühl mit andern anzuregen
- Aufmerksamkeit für lebensweltliche Auskünfte und latente Erzählungen von Einzelnen zu zeigen – und hieran anzuknüpfen
- Bereitschaft zur vertrauensvollen und umsichtigen Selbstauskunft und Erlebniserzählung zu zeigen
- generell Wertschätzung, prinzipielles Zutrauen und Zuversicht zu signalisieren.
Bildungspolitische Perspektive – Was ist eigentlich und wie bildet man digitale Kompetenz, in Schulen?
Dabei geht es zunächst nicht so sehr um die direkte Wirkung, die in den Chat-Gruppen online entfaltet wird. Wichtiger sind die engagierten Jugendlichen selbst – und zwar, weil sie aus diesem Tun essenzielle Erfahrungen und Fähigkeiten der dialogischen, brückenbildenden Moderation in Online-Chats, wie auch offline, erwerben können. Die Jugendlichen erweitern hierdurch ihre emotionale politische Intelligenz und kommunikative Kompetenz in einer Weise, die für das derzeitige gesellschaftliche Klima und die Überlebensfähigkeit der heutigen Demokratien besonders wichtig ist: ihre Fähigkeit zum guten Umgang mit jenen Situationen der politischen Überhitzung, Eskalation und des drohenden Beziehungsabbruchs, die so alltäglich geworden sind und denen wir dennoch oft hilflos gegenüberstehen.
Deshalb – und weil, wie gesagt, nicht nur Spezialisten-Know-How sondern eine bürgerschaftliche Grundfähigkeit herausgebildet werden soll! – betreibt das Chill-Chat-Projekt auch systematische Advocacy in Landesministerien für Bildung und Jugend, mit dem Ziel: eine institutionelle Erprobung und Verstetigung der Chill-Chat-Methodik in der schulpädagogischen Medienerziehung zu erreichen. Denn die vielfach beschworene „digitale Kompetenz“ (digital literacy) besteht ja nicht nur aus technisch-analytischer Versiertheit im Netz, sondern beruht vor allem auf der stets unterschätzten emotionalen und dialogischen Fähigkeit, mit Netz-Inhalten in Kontakt und in kluge und verbindliche Auseinandersetzung gehen zu können.
Projektinformationen
Ansprechpartnerin
Marie Jäger
mariejaeger@cultures-interactive.de
Derzeit erfolgt die Beantragung von Mitteln bei verschiedenen Fördergebern