Artikel zur Welcoming Cultures Tour in Thüringen: „Integrationsalltag“ an (Thüringens) Schulen

Die Welcoming Cultures Tour von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und cultures interactive e.V.

von Anna Groß und Malte Pannemann, Januar 2016

Es ist 08:30 Uhr, irgendwo im ländlichen Raum Thüringens, der Beginn eines Projekttags mit cultures interactive e.V. an einer Schule. Das Team von cultures interactive und die Schülerinnen und Schüler lernen sich langsam kennen. Quer durch das Klassenzimmer ist mit Klebeband eine Linie auf den Boden geklebt. Auf der einen Seite heißt es “Ja” oder “Zustimmung”, die andere Seite steht für “Nein” oder “Ablehnung”. Die Schüler*innen sollen sich positionieren, je nachdem wie sie die gestellten Fragen beantworten möchten. Ob die Jugendlichen sich an der Schule ernst genommen fühlen, will eine*r der Teamer*innen wissen. Fast alle positionieren sich auf der Seite des Raumes, die für Zustimmung steht. Eine Teilnehmerin positioniert sich auf der Seite, die für Ablehnung steht. “Als Mädchen muss man sich immer erst mal durchsetzen” begründet sie ihre Position. Die Teamer*innen haken bei den anderen Jugendlichen nach: „Habt ihr das Gefühl, eure Meinung wird respektiert? Hört man euch zu?“

Ein Teilnehmer korrigiert sich und stellt sich auf die andere Seite der Linie. Ein Thema gäbe es, da dürfe man seine Meinung nicht frei sagen. Eine Gruppe Jungs stimmt zu. Die Teamer*innen fragen nach, worum es gehe, doch die Teilnehmenden weichen zunächst aus. Dann sagen sie es aber doch. „Flüchtlinge“. Gegen die dürfe man nichts sagen. Schon gar nicht hier an der Schule, da heißt es, diese Meinung ist hier nicht erwünscht. Dabei würden sich die Kinder von den Flüchtlingen an keine Regeln halten. Und überhaupt. Die Erwachsenen würden ganz viel klauen im Supermarkt. Und die Polizei darf nichts machen, weil sie ein „Klaukontingent“ frei haben. Jeder Flüchtling würde außerdem 9000 Euro Begrüßungsgeld und ein neues Smartphone bekommen. Alle Menschen würden immer nur nach Deutschland kommen wollen und sich dann nicht mal an die Regeln halten. Und Frauen vergewaltigen. „Haben sie doch jetzt gesehen an Silvester“, zitiert eine Schulsozialarbeiterin eine Schülerin. 

Es ist ein Schwall von Fehlinformationen und Vorurteilen, der plötzlich hervorbricht. Das meiste davon haben die Teamer*innen schon öfter gehört.  Bei Talkshows im Fernsehen, bei Interviews von Pegida-Demonstrationen, aus den sozialen Medien. Sie wundern sich nicht. Warum sollte an den Jugendlichen auch vorbeigehen, was im Moment gesellschaftlich diskutiert und vor allem verbreitet wird. Die Ereignisse zum Jahreswechsel mit den Vorfällen in Köln und anderen Städten stellen zudem eine neue Hürde in der Vermittlung eines differenzierten Blicks auf die Situation in Deutschland dar. Selbstverständlich hören die Kinder, was ihre Eltern zu Hause erzählen, was im Fernsehen besprochen wird und erst recht, was per Facebook und WhatsApp die Runde macht. Die Jugendlichen kennen alle gängigen Vorurteile.  Manche auch noch mehr.

Auch der Einfluss von rechtsextremen Eltern spielt zum Teil eine Rolle. So erzählt in einem Punk-Workshop eine Schülerin den Teamer*innen, dass sie und ihre Freundinnen von ihren Eltern Pfefferspray bekommen würden, damit sie auf dem Schulweg nicht von Ausländern überfallen werden und sich wehren können. Die Frage ist allerdings, ob die Schüler*innen an ihren Vorurteilen und Meinungen festhalten und mit welcher Entschiedenheit sie diese vertreten. Die Teamer*innen haken nach, geben andere Informationen in die Gruppe, hinterfragen gängige Klischees, fragen nach den Informationsquellen der Jugendlichen und ihren eigenen persönlichen Erfahrungen. Die meisten Jugendlichen sind interessiert und finden die Diskussion spannend. Das Thema beschäftigt sie, wie viele andere Menschen in der Gesellschaft auch. Neuen Informationen gegenüber sind sie offen, schreiben sich einzelne Dinge sogar auf, obwohl das gar nicht gefordert ist.

Anders ist es bei dem Jugendlichen, der die Diskussion ins Rollen brachte mit seinem Hinweis darauf, dass es ein Thema an der Schule gäbe, bei dem man seine Meinung nicht frei sagen dürfe. Er beharrt auf seiner Position. Die Ausländer, die seien alle kriminell und würden alle klauen und deutsche Frauen anmachen. Ein anderer Schüler formuliert eine Gegenposition. Das sei eine Verallgemeinerung und würde vielen der Geflüchteten Unrecht tun. Und zudem sei eine solche Position rechtsradikal. Der Jugendliche antwortet: “Na und, ich bin rechtsradikal und dazu stehe ich auch”. Ohne entsprechende Schulung lassen  solche Äußerungen viele Menschen, auch Pädagog*innen, hilflos zurück. Nicht selten fallen sie das erste Mal im Verlaufe eines solchen Projekttages, „sonst war das nie Thema“, sagt der Schulsozialarbeiter, „dass der so drauf ist, hätten wir nie gedacht“. Wie nun weitermachen?

Durch das Training für Handlungskompetenzen zum Umgang mit rechtsextrem gefährdeten und orientierten Jugendlichen (HaKo_reJu) können die Teamer*innen von cultures interactive e.V. professionell reagieren und die politische Diskussion unter den Jugendlichen initiieren und begleiten. Die Schüler*innen erhalten durch das Angebot von Jugendkultur- und Medienworkshops einen Einblick in die Pluralität und Diversität von Lebensstilen, unterschiedlichen Kulturen und Ausdrucksmöglichkeiten. In den Konzepten der Workshops werden demokratiestärkende Faktoren von Jugendkulturen und Medien und deren antirassistische und emanzipatorische Ursprünge aufgezeigt. In Form von partizipatorischen und lebensweltorientierten Methoden und dem jugendkulturell innewohnenden "Do it yourself"-Ansatz, haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, ihre Werte und Haltungen in Form von Produkten künstlerisch wie medial darzustellen und zu diskutieren. Neben der historischen und politischen Einordnung der jeweiligen jugendkulturellen und medialen Workshops beinhalten die Workshops eine aktive, selbstbestimmte Auseinandersetzung und Reflexion durch entsprechende Ausdrucksmittel. Thematisch sind seit 2015 die Workshops besonders durch das Themenfeld "Flucht und Asyl" gerahmt, um auf die aktuellen gesellschaftspolitischen Bedarfe auf den Schulhöfen zu reagieren und kritisch die Frage zu behandeln, wie willkommen Geflüchtete in unserer Gesellschaft, auf den Schulhöfen, in ihrer Umgebung und in den Augen der Jugendlichen wirklich sind. In den Workshops setzen sich die Jugendlichen mit vorherrschenden Meinungen und Stereotypen gegenüber Migrierten auseinander und werden für verschiedene Formen der Abwertung und Generalisierung von Menschen(gruppen) sensibilisiert. Gemeinsam wird daran gearbeitet, wie man selbst zu einer offenen und toleranten Gesellschaft beitragen kann. Für diese Diskussion stehen zusätzlich jugendkulturelle, künstlerische und mediale Ausdrucksformen zur Verfügung.

Im Anschluss an die Einstiegs-Diskussion wird zum Beispiel ein Spiel mit dem Namen „Refugee Chair“ gespielt. Darin sollen die Jugendlichen schätzen, wie die Weltbevölkerung, der Reichtum und geflüchteten Menschen auf den Kontinenten verteilt sind. Anschließend werden ihre Schätzungen einem Realitätscheck unterzogen und mit den tatsächlichen Zahlen verglichen. Bei vielen Schüler*innen löst diese Methode Aha-Momente aus und es entstehen Nachfragen. Die subversive Irritation und Aufklärung bringt neue Gedanken ins Spiel, hinterfragt stereotype Vorurteile und macht deutlich, was Fakten und was Erdichtetes sein kann, wenn es um die Themen Migration und Flucht geht. Die Jugendlichen gehen davon aus, dass Weltbevölkerung und Reichtum relativ homogen verteilt sind, dass aber alle Menschen nach Europa fliehen. Tatsächlich hat Asien einen sehr hohen Bevölkerungsanteil, in Europa und Nordamerika häufen sich enorme Reichtümer. Die meisten Geflüchteten hingegen fliehen in ihre unmittelbaren Nachbarländer und verbleiben damit in Asien und Afrika. Viele Jugendliche lassen sich mittels der von den Teamer*innen spielerisch vermittelten Fakten erreichen und sie werden nachdenklich. Der Jugendliche jenseits der Trennlinie jedoch nicht. Für ihn sind seine verhärteten Vorurteile weniger Unwissen, als eine Haltungsfrage, die von emotionaler Bedeutung für ihn ist. Im Rahmen eines einzigen Impulsprojekttags lässt sich schwer mit solchen Haltungen bei Jugendlichen arbeiten, deshalb gibt es das sogenannte „Time-Out“. Hier werden Jugendliche aufgefangen, die den Ablauf der Workshops vornehmlich durch politische Zeichen und/oder Äußerungen, manchmal auch nur gewaltvolles Schweigen stören. Ihnen wird mitgeteilt, warum sie jetzt nicht mehr an dem Workshop teilnehmen dürfen. Im Rahmen des Time-Out sprechen Teamer*innen mit der Person, warum sie so handelt, wie sie es eben getan hat und versuchen vornehmlich durch den narrativen Ansatz mit den Jugendlichen zu sprechen und so Beweg- und Hintergründe zu erfahren, zu irritieren und nicht zuletzt zu intervenieren. Das heißt, kritisch nachzufragen und eine eigene politisch-demokratische Haltung deutlich gegenüber dem Jugendlichen sichtbar zu machen. Die aufkommende Reibungsfläche wird nicht selten von den Jugendlichen nur zu gern für eine politische Diskussion genutzt.

An einer Schule im Süden Thüringens nähert sich der Workshop nach der intensiven „Vorstellungsrunde“ dem Thema Jugendkulturen. Heute soll noch geskatet werden. Doch zunächst eine wichtige Frage der Teamer*innen in die Runde: Wie wäre es denn eigentlich, wenn man selbst plötzlich die Koffer packen müsste? Was würden die Schülerinnen und Schüler mitnehmen auf eine Flucht? Sie bekommen zehn Minuten Zeit und die Vorgabe, genau fünf tragbare Dinge mitnehmen zu können. Als die Ergebnisse gesammelt werden, stellen plötzlich alle fest: Auf das Smartphone möchte niemand verzichten. Wie auch sonst sollten sie mit ihrer Familie kommunizieren, Wegstrecken herausfinden, sich Worte übersetzen lassen. Ansonsten würden manche in der Gruppe gern ihr Skateboard mitnehmen. „Warum“ fragt eine Schülerin. Einer der Schüler, die schon manchmal Skateboard fahren, erzählt, dass er sich so überall wie zu Hause fühlt und immer was zu tun hat. Auch wenn man warten muss. Er hat sich überlegt, dass man auf Reisen ja auch oft wartet – an Bahnhöfen, bei Busfahrten. Oder in neuen Städten sich zurecht finden muss. Da hilft das Skateboard, erzählt er. Aber dann brauche man ja auch gute Sportschuhe, stellt eine Schülerin fest. „Stimmt“ sagt ein anderer. „Und ich hab noch geschimpft, warum sie [die Geflüchteten] immer Markenklamotten bekommen und wir nicht“. Die Teamer*innen sind zufrieden. Diese Methode klappt (fast) immer.

 

In der Mittagspause fragt eine Schulsozialarbeiterin die Teamer*innen von cultures interactive, wie es kommt, dass ganz viele geflüchtete Kinder am 1.1. Geburtstag hätten. Sie ist eigentlich sehr offen und interessiert, doch gibt sie zu, skeptisch zu sein, wenn die geflüchteten Kinder ihre Geburtstage nicht wüssten. Würden sie versuchen zu betrügen? Erst die Aufklärung durch eine Teamerin macht deutlich: Nicht in allen Ländern sind Geburtstage so wichtig wie bei uns, manchmal ist der Namenstag ein viel wichtigeres Ereignis oder es wird gar nicht darauf geachtet. Manchmal sind Kalender generell nicht so wichtig. Im Senegal zum Beispiel, so berichtet dazu ein Teamer von cultures interactive heißt es dazu „Ihr habt die Uhr, aber wir haben die Zeit“. Zudem kommt dazu, dass selbst bei den Kindern, die ihre Geburtstage kennen, auf der Flucht über viele verschiedene Landesgrenzen die Papiere verloren gehen und an der Grenze der Türkei zum Beispiel auf Grund der Masse der Anfragen die Grenzbeamt*innen ganz oft einfach aus Zeitgründen und Desinteresse den 1. Januar als Geburtstag eintragen, Hauptsache das Geburtsjahr stimmt – ob den Kindern das recht ist oder auch nicht. Die Sozialarbeiterin findet das nachvollziehbar. An dem Beispiel zeigt sich, wie wichtig ein Basiswissen für die Arbeit mit Geflüchteten ist. Aufklärungsarbeit und Fortbildungen sind dringend von Nöten.

Für einen Schulprojekttag, der zwei Wochen später an einer anderen Schule in Thüringen stattfinden soll, läuft schon im Vorfeld einiges anders als sonst. Auch in dieser Stadt gibt es eine organisierte rechtsextreme Szene und Infrastruktur. Thügida ist vor Ort präsent, zum Teil sind Eltern der Schüler*innen Mitorganisator*innen. Ein Elternvertreter hat die offizielle Projekttags-Ankündigung der Schule in einer Thügida-Gruppe bei Facebook gepostet und dort gegen die Ideen des Schulprojekttags mobilisiert. Die Stimmung ist aufgeheizt, bevor es überhaupt losgeht. Zudem sind an der Schule rechtsextrem orientierte Jugendliche aus Elternhäusern mit rechtsextremem Hintergrund – leider kein seltenes Phänomen. Die Jugendlichen dominieren oft Gruppendiskussionen und suchen Gelegenheiten zur verbalen Auseinandersetzung im Klassenraum. Dem Lehrer*innen-Kollegium fehlt es dazu häufig an Handwerkszeug für einen angemessenen Umgang und sie fühlen sich überfordert. Dabei geht es nicht so sehr um mangelnde pädagogische Fähigkeiten oder Fachwissen in Bezug auf Rechtsextremismus. Vielmehr ist eine klare Haltung gefragt. Ein Diskussionsverbot ist dabei allerdings nicht die Lösung sondern spielt vielmehr den rechtsextremen Protagonist*innen in die Hände, die ohnehin von einer „verlogenen Demokratie und Meinungsfreiheit“ reden. Wertebildend für die Jugendlichen kann es jedoch sein, wenn Lehrer*innen politische Diskussionen im Klassenraum zulassen, Positionen und Erfahrungen zuhören, nachfragen und die eigene humanistisch-demokratisch-geprägte Haltung zeigen.

Der Umgang mit geflüchteten Schüler*Innen, die neu an die Schulen kommen, wird wenig vorbereitet. Viele Lehrer*innen berichten von Hilflosigkeit im Umgang mit Fragen, Neugier oder Abwehr gegenüber den neuen Schüler*innen. Es fehlt an kompetenten Weiterbildungsangeboten, Erfahrungsaustausch und Aufklärung. Ein wenig beruhigt stellen die Teamer*innen am Projekttag zumindest fest, dass an den Schulen mit besonders aktiven rechtsextrem orientierten Schüler*innen auch eine allgemeine Polarisierung bzw. Politisierung erfolgt und laute Gegenstimmen zum „Rechtsruck“ vorhanden sind - aktive Schüler*innen, die sich für ein tolerantes Miteinander und gegen Neonazismus  einsetzen. Diese Schüler*innen müssen gestärkt werden und ihnen können neue Argumente an die Hand gegeben werden.

Was passiert, wenn Schulen offen mit Migration und Flucht umgehen?

Auf ihrer Welcoming-Cultures-Tour stellt das Team von cultures interactive fest, wie wichtig es ist, wenn Schulen „proaktiv“ tätig werden und sich an Veranstaltungen zur Förderung von Willkommenskultur beteiligen oder idealerweise sie sogar selbst initiieren. An einer Schule reagiert die Schulleitung sofort, als sie davon erfährt, dass sie geflüchtete Schüler*Innen aufnehmen wird. Es werden unterschiedliche außerschulische Projekte für Begegnungsmöglichkeiten initiiert. Eines davon ist der Schulprojekttag mit cultures interactive. Schon im Vorfeld des Projekttags informiert sie das Team von cultures interactive, dass es auch geflüchtete Kinder in den Workshop-Gruppen geben wird. Der Projekttag wird verstärkt auf das Thema „Geflüchtete willkommen heißen“ ausgerichtet. Jede Jahrgangsstufe erhält altersspezifische Angebote und unterschiedliche Konzepte. Bei den Workshops, wo Geflüchtete teilnehmen, findet mehr Visualisierung, mehr Praxis und weniger Diskussion statt. Die Ziele der politischen Bildung verschieben sich auf positive Begegnungsmomente, was im Hinblick auf die aktuelle gesellschaftspolitische Diskussion wohl eines der schwersten politischen Ziele darstellt. Darüber hinaus initiiert die Schulleitung ein Herbstfest an der Schule, zu der alle Eltern der neuen und der alten Schüler*innen eingeladen werden und sich begegnen können. Als das Team von cultures interactive mit ihrem jugendkulturellen Programm dort auftaucht, treffen sie auf viele neugierige Schülerinnen und Schüler. Die Kinder haben Fragen: „Wo kommen die Geflüchteten her?“, „Welche Sprache sprechen sie?“, „Warum sind sie hier?“. All diese Fragen wirken offen neugierig, zum Teil werden sie aus Verunsicherung, geprägt durch aktuelle (Fernseh-) Berichterstattung, neue soziale Medien und Meinungsmache, gestellt.

Nicht an allen Schulen sucht man offensiv die Auseinandersetzung mit dem Thema. Zum Teil sind Abwehrverhalten und Abneigung ersichtlich. An einer Schule, die direkt an eine neue Unterkunft für Geflüchtete angrenzt, scheint niemand darüber informiert worden zu sein. Die Unterkunft wird durch einen Bauzaun vom Schulgelände abgetrennt, der vollständig mit Sichtschutz bezogen wurde. Zum Teil sind Geflüchtete in der Schulturnhalle untergebracht, doch die Schüler*innen dürfen dort nicht hin, um Kontakt aufzunehmen, geschweige denn, dass für eine transparente, offene Schulsituation Begegnungen mit den geflüchteten Jugendlichen initiiert werden. Diese Geheimniskrämerei bringt viele Fragen auf, die jedoch vor Ort von niemandem beantwortet werden. Statt Aufklärung und Information erleben die Schüler*innen hier vor allen Dingen gesteigerte Verunsicherung. Gerüchte breiten sich aus. Es entstehen keine Berührungspunkte mit den geflüchteten Jugendlichen. Auch die Lehrer*innen sind verunsichert, wissen nicht, wer wann zu ihnen in die Klasse kommen wird, wo sie herkommen, welchen Wissensstand  sie mitbringen. Im Workshop mit cultures interactive, an dieser Schule, nehmen ein paar der neuen Schüler*innen teil. Die Thüringer Schüler*innen verweigern sich dort Englisch zu sprechen, obwohl sie es könnten. Einige der neuangekommenen Schüler*innen verstehen sehr gut Englisch, dennoch wird die Haltung vertreten, die Geflüchteten würden ja eh nichts verstehen, deshalb würde auch Englisch zur Verständigung nicht helfen. Die Abwehrhaltung gegen ein Aufeinander-Zugehen ist „unverblümt“ zu erkennen. Als die Teamer*innen intensive Gespräche mit den Geflüchteten auf Englisch führen, sind die anderen Jugendliche erstaunt,: „Wie kann man in dem Alter schon so gut Englisch sprechen“, fragt eine Schülerin. Im Street-Soccer-Workshop stellt sich heraus, dass einige der Geflüchteten ganz gut Fußball spielen können. Dennoch wünscht sich die restliche Gruppe, dass sie nur unter bestimmten Bedingungen mitspielen dürfen (nur im Tor, nur als Ersatzspieler*innen). Das Team versucht zu vermitteln, doch es gelingt nur bedingt. Zu hart sind die Zweifel, zu wenig der Wunsch zur Begegnung vorhanden.

Eine letzte Konsequenz der persönlichen Ablehnung von Geflüchteten sind tätliche Angriffe. Aus Gruppendiskussionen hat sich ergeben, dass Schüler*innen sich auch als eine Art Schülerwehr organisieren gegen geflüchtete Mitschüler*innen. Die Thesen von Pegida & Co werden in Handgreiflichkeiten umgesetzt. Dies wird von Lehrer*innen entweder nicht mit der nötigen Konsequenz aufgedeckt oder hilflos als Reiberei unter Schüler*innen abgetan. Der rassistische Hintergrund wird verkannt oder verschwiegen. Lehrkräfte und Schule sind überfordert, adäquat darauf zu reagieren. Dafür bedarf es dringend vor allem einen strategisch besseren Schutz der geflüchteten Schüler*innen sowie ein stärkeres Bewusstsein über Fort- und Weiterbildungen und dringend ein landesweites Monitoring von Übergriffen in Schulen.

Fortbildungsbedarf für Lehrkräfte und Schulsozialarbeit

Immer wieder stellen die Teamer*innen fest, dass auch die Schulsozialarbeiter*innen nicht ausreichend zum Thema Flucht und Asyl informiert und sehr unsicher sind. Sie sind nicht für die Situationen ausgebildet worden, bekommen aber auch kein spezielles Fortbildungsangebot oder besondere Hilfen. Ein fehlendes Hilfs-, Fortbildungs- und Unterstützungsangebot sowohl für Lehrer*innen, Schulsozialarbeit und Schulleitung ist fast an allen Schulen zu beobachten und wird immer wieder berichtet. Dazu kommt schlimmstenfalls, dass viele Schulen versuchen, ihre Hilflosigkeit zu vertuschen. Sie sind einerseits überfordert mit der neuen Situation mit Geflüchteten, mit Schüler*innen aus rechtsextrem orientierten Elternhäusern und mit mindestens rechtspopulistisch agitierenden Schüler*innen. Andererseits  soll nicht der Eindruck aufkommen, die Schulen hätten die Situation nicht im Griff und ein rechtspopulistisch / rechtsextrem gespeistes Gewaltproblem.

Die Bedeutung von politischen Diskussionsräumen in Schulen

Der Umgang mit Geflüchteten und Refugees wird gesamtgesellschaftlich diskutiert. Jugendliche sind Teil dieser Gesellschaft und damit nicht außen vor. Genau wie Erwachsene entnehmen sie den Medien verschiedenste Positionen und sprechen miteinander über das Thema. Sie tauschen persönliche Erfahrungen, Gerüchte und Informationen miteinander aus und bilden sich ihre eigene Meinung. Wie bei Erwachsenen auch, gibt es Jugendliche, die sich solidarisch mit den Geflüchteten erklären. Doch es gibt auch viele Jugendliche, die Vorurteile hegen oder eine feindliche Haltung entwickeln. Die unterschiedlichen Haltungen diskutieren die Jugendlichen miteinander – auch auf dem Schulhof. Schule kann daher kein unpolitischer Raum sein, er wird mit Meinungen, Haltungen und Informationen gefüllt. Jugendliche sind politische Menschen. Sie interessieren sich für gesellschaftliche Themen und politische Fragen. Insofern vergibt die Schule ein großes Potential, wenn sie keinen Raum für Austausch bietet. Der unbegleitete Austausch scheint jedenfalls in Zeiten von sozialen Medien und Pegida-Einflüssen bei den überwiegenden Jugendlichen zu einer einseitigen Meinungsbildung bzw. selektiver Wahrnehmung zu führen.

Aktuell wäre bereits ein erster Schritt, eine erhöhte kritische Medienwahrnehmung zu trainieren, um zu vermitteln, was eine seriöse Quelle ist. Des Weiteren geht es um einen Austausch zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen, so dass Lehrer*innen Fehlinformationen korrigieren oder menschenfeindliche Einstellungen problematisieren und eine eigene demokratische Haltung vermitteln können.

Es ist aber auch nachvollziehbar, dass viele Lehrkräfte sich damit schwer tun, die Themen Flucht, Migration und Willkommenskultur auf die Tagesordnung zu setzten. Die Herausforderungen verbunden mit der gegenwärtigen Migrationsbewegung sind immens. Lehrer*innen brauchen Unterstützung und Fortbildungen, um Diskussionen und Provokationen gewachsen zu sein. Wer deutlich eine eigene Haltung zeigen kann, typische Vorurteile und Gerüchte kennt und entkräften kann, wer den ein oder anderen pädagogischen Kniff kennt, um die Jugendlichen aus der Reserve zu locken oder Wissen spielerisch zu vermitteln, der*die scheut die Diskussion mit Jugendlichen weniger. Die Öffnung der Schule für die Diskussion von gesellschaftlichen und politischen Themen bietet eine gute Chance, etwas über den Stand der Dinge und des Wissens bei den Jugendlichen zu erfahren und gegebenenfalls angemessen zu intervenieren.

Die Schulprojekttage von cultures interactive und der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen können über die zum Teil spielerisch vermittelten Informationen eine enorme Unterstützung für Schüler*innen darstellen, die bereits vorher eine offene Haltung gezeigt haben. Die speziell geschulten Teamer*innen können zudem Jugendliche mit Ressentiments in ihrer Haltung verunsichern und durch andere Perspektiven zumindest zeitweise zum Umdenken anregen. Der Schulprojekttag kann Impulse setzen und fördert im Dialog mit den Jugendlichen wertvolle Kenntnisse zu Tage. Doch können und müssen die Projekttage als Startschuss für eine intensivere Auseinandersetzung genutzt werden, sonst verfallen die Erkenntnisse. Die Nachhaltigkeit eines solchen Impulsprojektes bestimmt allein die Schule. Ob sie dabei direkt den Faden der politischen Diskussion mit den Jugendlichen aufnimmt oder erkennt, wir müssen uns erst fort- und weiterbilden, um den Faden aufnehmen zu können bzw. Sicherheit zu gewinnen, sind beides probate Mittel der Erkenntnis. Darauf zu hoffen, dass die Impulse von außen reichen und keine Eigenleistung bzw. -reflektion nötig ist, stellt leider keinen Lösungsweg dar, denn Demokratie heißt u.a. Beteiligung.

Für Rückfragen zum Projekt Welcoming Cultureres:

Logo cultures interactive Verein für interkulturelle Bildung und Gewaltprävention e.V.

Cultures Interactive e.V.
Verein zur interkulturellen Bildung und Gewaltprävention
Peer Wiechmann
Paul-Schneider-Str. 17
99423 Weimar
Mail: wiechmann@cultures-interactive.de
www.cultures-interactive.de

Logo Landeszentrale für politische Bildung
Landeszentrale für politische Bildung Thüringen
Peter Reif-Spirek, stellv. Leiter
Regierungssstr. 73
99084 Erfurt
Mail: Peter.Reif-Spirek@tsk.thueringen.de

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